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Artikel aus »3R International« (42) Heft 8/2003

Gerüche aus dem Kanal

Alles, was wir in der Zivilisationsgesellschaft flüssig hinter uns lassen, wird in die Kanalisation geschickt. Auch wenn für den Fachmann „frische Abwässer gewöhnlich geruchlos“ sein mögen – der Lauf der Zeit, speziell der jüngeren, hat gelehrt, dass Geruchsbelästigungen ein in der Bevölkerung vielbeklagtes Umweltproblem sind, und dass, unser Thema betrachtend, die Gerüche aus der Kanalisation in zunehmendem Maße beklagt werden.

Dass die Zunahme gerade in den letzten Jahren erheblich ist, liegt nicht nur daran, dass die Bürger sensibler und gleichzeitig weniger tolerant gegenüber Belästigungen geworden wären. Fakten wie verringerter Wasserverbrauch mit allen negativen Auswirkungen in Form geringerer Fließgeschwindigkeit, längerer Fließzeit, mehr Ablagerungen, aber auch die Klimaveränderung, die in den letzten Jahren einen Hitzerekord nach dem anderen mit sich bringt, tragen zur Verschärfung der Probleme bei.

Die Fachwelt hat diesen Tatsachen Rechnung getragen. In der ATV-DVWK arbeitet nicht nur der Fachausschuss KA 14 „Emissionen aus Abwasseranlagen“ bereits seit Jahrzehnten am Thema, auch die gezielt zur Abhandlung der Gerüche aus der Kanalisation eingesetzte Arbeitsgruppe ES 7.5 widmet sich dem Problem und wird binnen Kürze das Merkblatt M 154 herausgeben. Und auch international ist Geruch ein Renner, wie die Zweite Internationale IWA-Fachtagung Mitte September in Singapur, die Interessenten an dieser Stelle wärmstens empfohlen sei, oder das Geruchsseminar im Oktober in Japan, nur zwei Beispiele von vielen, belegen.

Geruchsstoffe können im Abwasser bereits enthalten sein, insbesondere aufgrund ihrer Herkunft aus entsprechenden Industriezweigen, oder Geruchsstoffe werden während des Abwassertransports in der Kanalisation durch die dort herrschenden Zustände und Milieubedingungen gebildet. Schwefelwasserstoff als ein wesentliches Ergebnis der anaeroben Abbau- und Faulprozesse wird hier oft als (Leit-)parameter genannt.

Bilden sich – gleich, ob durch die Einleitungen in den Kanal oder infolge der Bildung während der Fließzeit im Kanal – erst einmal Geruchsstoffe im Abwasser, so können diese in die Gasphase übertreten und dann erhebliche Schadwirkungen entfalten. Dies betrifft sowohl das Kanalsystem selbst mit Folgen wie Korrosion, Gefahren für die Wartungsmannschaften usw. als auch das Umfeld von Kanalisationsanlagen, denn wenn die geruchsbeladene Kanalatmosphäre aus der Kanalisation austritt, kann es zu erheblichen Belästigungen kommen. Die ökonomischen Folgend sind erheblich.

Wie muss die Maßnahmenreihenfolge sein? Zu verhindern ist die Einleitung von Geruchsstoffen in den Kanal, die Entstehung von Geruchsstoffen im Kanal oder aber mindestens das Austreten von Geruchsstoffen aus den Bauwerken der Kanalisation wie Schächte, Pumpwerke, Entlüftungsleitungen usw.
Während man die Konzentration von z. B. Schwefelwasserstoff oder auch Geruchsstoffen in der Kanalatmosphäre vergleichsweise leichte messen kann – letztere mit Hilfe der sog. „Olfaktometrie“ – ist es extrem schwierig, die Emission aus der Kanalisation zu bestimmen, da die aus dem Kanal abgegebene Menge an Luft oft messtechnisch kaum zu erfassen ist.

Dies macht die Lokalisierung und demzufolge auch die Auswahl von geeigneten Gegenmaßnahmen schwierig. Ebenso schwierig ist zudem die Bewertung der Effektivität von Maßnahmen, die gegen Geruchsemissionen aus dem Kanalnetz ergriffen werden. In diesem Bereich wird heutzutage oftmals mit Vermutungen, subjektiven Eindrücken und Werbesprüchen gearbeitet. Da andererseits diese Maßnahmen unter Umständen außerordentlich kostenträchtig sein können, reicht eine solche Bewertung selbstverständlich nicht aus, sondern es sind belastbare Fakten gefragt und daher objektivierbare Maßstäbe erforderlich.

Die Zufriedenheit der Anwohner, obwohl oberstes Ziel, ist leider eine ungeeignete Messgröße. Zwar zur langfristigen Erfolgskontrolle geeignet und inhaltlich gesehen eigentlich die Messlatte, ist sie als technisch verwertbares, kurzfristig „anzeigendes“ und reagierendes Kriterium zum Beispiel zur vergleichenden Beurteilung verschiedener technischer Maßnahmen ungeeignet.

Gewarnt werden muss davor, sich „nur“ mit Schwefelwasserstoff zu befassen. Tatsache ist nämlich, dass es daneben auch noch etliche andere äußerst unangenehme Geruchsstoffe insbesondere aus Indirekteinleitungen geben kann, die unabhängig vom Schwefelwasserstoffgehalt sind. Nur auf Schwefelwasserstoff bzw. den Sulfidgehalt zu schauen ist daher kurzsichtig.

Um also beim Geruch zu belastbareren Aussagen als bisher möglich zu kommen, wurde die Messtechnik der Bestimmung des Geruchsstoff-Emissionspotenzials (GEP-Messung) entwickelt. Diese Messung dient zur Bestimmung der Summe aller in einer Flüssigkeit vorhandenen Geruchsstoffe und ist ein klassischer Wirkpapameter, wie z. B. der Biochemische Sauerstoffbedarf BSB. Die GEP-Messung bietet damit die Möglichkeit zur Charakterisierung der Geruchsrelevanz von Flüssigkeiten – denn klar ist, dass bei ansonsten gleichen Randbedingungen natürlich eine Flüssigkeit mit mehr Geruchsstoffen auch mehr Ärger macht.

Diese kritischen Flüssigkeitsströme zu identifizieren ist ebenso Aufgabe der GEP-Messung wie die Objektivierung der Effizienz geruchsmindernder Maßnahmen. Und nicht zu unterschätzen ist die durch die GEP-Messung gegebene Möglichkeit der Indirekteinleiterkontrolle bei Industriebetrieben, durch die der Eintrag von Geruchsstoffen in den Kanalisation beschränkt werden kann.

Wenn heutzutage also einiges Geld in Untersuchungen zur Geruchsproblematik und entsprechenden Gegenmaßnahmen gesteckt werden muss, so dient dies der Werterhaltung in allen Bereichen – von den Baustoffen der Kanalisation bis hin zur Lebensqualität der Anwohner. Und das darf dann zu recht als „nachhaltig“ qualifiziert werden.

Prof. Dr.-Ing. Franz-Bernd Frechen
Leiter des Fachgebietes Siedlungswasserwirtschaft der Universität Kassel

   


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